Sekundenleben.

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Manchmal steht man zwischen den Stühlen.

Manchmal steht man zwischen Stühlen und diese Stühle stehen an den beiden Enden eines Brettes und dieses Brett ragt über die Felsen an einer Küste.
Der eine Stuhl steht im sicheren Abstand zu den Klippen. Auf dem Festland. Mitten drin, auf festem Grund. Der andere, der andere steht über dem Abgrund. Auf der Planke, dort, wo früher die standen, die von Piraten ins Meer gestoßen wurden. Genau da steht der andere. Und du stehst dazwischen. Gehst du Richtung Festland, bist du sicher. Schritt für Schritt, fester Boden unter den Füßen. Nichts passiert. Kein Wanken, kein Taumeln, kein Fallen. Dort ist alles gut. Kommst du am Ende an, drehst du dich um setzt dich, kommst zur Ruhe und schaust raus aufs Meer, das sich tosend Laut zu deinen Füßen irgendwo an den Felsen bricht. Kommst du am Ende an setzt du dich, atmest tief durch und schaust raus aufs Leben. Das sich vor dir abspielt, in sicherem Abstand zu dir und allem was du bist. Dir kann nichts passieren, dein Stuhl hat ein solides Fundament. Und hier ist alles okay.
Und was, wenn du in die andere Richtung gehst? Weg vom Festland? Schritt für Schritt neigt sich das Brett nach unten. Das ist Physik. Wo nichts stützt kann auch nichts halten. Mit jedem weiteren kleinen Schritt kommt alles aus dem Gleichgewicht. Alles verschiebt sich. Das Herz rutscht in die Hose und du hältst die Luft an. Kopf oder Zahl. Du hast keine Münze bei dir. Bauch oder Verstand. Der Verstand dreht hol weil du immernoch schwankst. Und weil du auch nur einen Schritt weg vom Land gewagt hast. Und der Bauch? Der kribbelt so vor sich hin. Macht eigentlich was er will und trägt nichts zur Sache bei. Der Bauch sagt spring, aber darum ging es nie. Es geht um rechts oder links, nicht um oben oder unten. Der einzig sichere Ort zum Springen ist das Ende, weit über den Klippen hinaus. Du bist noch lange nicht am Ende. Alles dreht sich. Herz oder Sicherheit.
Ja, Herz oder Sicherheit, das ist die Frage.
Sicherheit, meldet dich der Verstand. Und ich stehe da, unter mir das tosende Leben und mein Herz schreit renn, lass los und spring. Mein Herz schreit spring. Ich stehe also da, zwischen diesen Stühlen auf dieser Planke über dem Meer und mein Herz sagt, fallen ist fliegen und fliegen ist Leben und wenn du aufprallst bist du mitten drin. Herz sagt Träume über Sicherheit. Herz sagt fliegen, weil fliegen du bist.
Herz oder Sicherheit. Herz oder Sicherheit. Herz oder Sicherheit. Herz. Träume. Sicherheit. Herz. Herz. Herz.